Fiber Fact Friday Nr. 11: Ist Wolle wirklich immer grausam?

Vor allem namhafte sogenannte Tierschutzorganisationen schlagen immer wieder Alarm. Die Produktion von Wolle soll nur mit größtem Leid für die Tiere einhergehen. Sie schlagen daher vor, ganz auf Fasern tierischen Ursprungs zu verzichten. Aber ist da wirklich was dran? Und gibt es nicht auch eine tierfreundliche Art, Wolle zu erhalten?

Diesen Fragen gehen wir hier heute auf dem Grund!

Welche Probleme gibt es in der Wollproduktion?

Eins steht fest: Ganz unrecht haben die Tierschutzorganisationen definitiv nicht. Es gibt Probleme in der Wollproduktion. Sehr große sogar. Mulesing, Massentierhaltung, unsachgemäße Schur, Pestizidbäder, Überzüchtung – das sind Schlagworte, die man in diesem Zusammenhang schnell findet. Aber warum ist das so?

Sind wir mal ehrlich: Wir Menschen sind schon ganz schöne Mimosen geworden. Die Kleidung auf unserer Haut muss so weich wie möglich sein. Sie darf unter gar keinen Umständen auch nur ein kleines bisschen kratzen oder sich rauer anfühlen. Diesem Wunsch ist die Industrie und damit gekoppelt die Tierzucht natürlich nachgekommen. Und so wurden vor allem die Merinoschafe auf immer feinere Wolle gezüchtet. Möglichst feine Wolle, das geht aber nicht in jedem Klima. Unser deutsches Klima ist dafür gänzlich ungeeignet. Und so ist die größte Wollproduktion in Australien und Neuseeland beheimatet, aber auch in Südafrika oder Südamerika sind große Schafherden zu finden.

Aber nicht nur auf möglichst feine Wolle hat man bei der Zucht wert gelegt. Die Schafe sollten auch gleich noch möglichst viel Ertrag abwerfen. Weswegen man ihnen möglichst viele Hautfalten angezüchtet hat. Dass allein das viele Gewicht der Wolle für die Tiere eine zusätzliche Belastung ist, brauche ich wohl nicht weiter erläutern.

Aber mit den zusätzlichen Hautfalten kamen noch weitere Probleme mit. In dem warmen Klima Australiens schwitzen die Tiere zwischen den Hautfalten natürlich immens. Diese feuchtwarme Umgebung lieben vor allem Maden ganz besonders gern. Und so legt eine – nur in Australien beheimatete Fliegenart – ihre Eier in die Hautfalten der Merinoschafe. Sie tun das vor allem in der Region rund um den After. Die geschlüpften Maden befallen dann die Tiere und fressen sie über den After von innen heraus auf. Das klingt nicht nur grausam – das ist es auch!

Um diesem Madenbefall entgegen zu wirken, haben sich die Schafbauern etwas einfallen lassen: das sogenannte Mulesing. Dabei werden schon den Lämmern die Hautfalten rund um den Anus weggeschnitten. Eine wirksame Methode gegen den Madenbefall. Allerdings ist seine Ausführung alles andere als tierfreundlich. Um Kosten zu sparen, wird das Mulesing zum überwiegenden Teil ohne Betäubungsmittel durchgeführt. Auch eine Nachbehandlung der offenen Wunden wird meist nicht durchgeführt. Auf diese Weise leiden die Tiere unter größten Schmerzen und Entzündungen an den offenen Wunden.

Eine Alternative für das Mulesing sind Pestizidbäder. Dabei müssen die Schafe mit dem ganzen Körper wortwörtlich in Pestiziden baden. Nicht nur sind die Pestizide für die Tiere gesundheitsschädlich. Die Pestizide lassen sich auch noch nach den vielen Wasch- und Färbegängen in der so behandelten Wolle nachweisen. Das heißt, wir holen uns so diese Gifte auf die Haut, wo wir sie eigentlich nicht haben wollen.

Auch kann es gerade bei den sehr großen Betrieben zu Problemen bei der Schafschur kommen. Wenn es sehr schnell gehen muss, wird manchmal auch auf die Sorgfalt ein wenig verzichtet. So kann es zu Verletzungen der Tiere kommen. Dies ist sicherlich vor allem ein großes Problem in der Massentierhaltung, wo Zeit schlichtweg Geld ist.

Soll man deshalb auf Wolle ganz verzichten?

Das fragst du dich nun sicherlich, nach den ganzen schlimmen Erzählungen. Aber ganz so einfach ist die Sache nun auch wieder nicht.

Den Schafen wurde schon vor Jahrhunderten der natürliche Fellwechsel abgezüchtet. Das Ziel war es, möglichst lange Fasern zu erhalten. Diese sind haltbarer und haben eine bessere Qualität. Dadurch müssen die Schafe aber auch dringend geschoren werden. Die Haare würden ansonsten endlos weiter wachsen. Das zeigen auch diverse Nachrichten über ausgebückste Schafe, die jahrelang in der Wildnis gehaust haben. Diese Tiere konnten kaum noch etwas sehen oder gar richtig gehen, als man sie gefunden hat. Die Schafe also nicht zu scheren ist genauso Tierquälerei.

Zudem ist die unsachgemäße Schur vor allem ein Problem der großen Massenbetriebe. Jeder Schäfer, der eng mit seinen Tieren zusammen arbeitet, der achtet auch auf die Gesundheit und das Wohlergehen seiner Tiere. Das funktioniert aber natürlich nur in überschaubaren Herden.

Aber wie sieht es mit Kunst- oder Pflanzenfasern als Alternative aus? Wenn man auf Nummer sicher gehen möchte, dass kein Tier leiden muss, dann ist das vielleicht eine Möglichkeit. Aber auch hier gibt es durchaus Argumente, die man bedenken muss. Kunstfasern sind eine immense Belastung für die Umwelt. Nicht nur werden sie aus Erdöl oder Erdgas gewonnen. Bei jedem Waschgang sondern sie auch Mikroplastik ins Abwasser und damit in unsere Gewässer ab.

Kunstfasern sind auch bei weitem nicht so atmungsaktiv wie Naturfasern. Die Folge ist hierbei, dass man wesentlich schneller schwitzt und die Kleidung schneller schlechte Gerüche annimmt. Das erhöht das Waschaufkommen immens, weil Klamotten aus Kunstfasern einfach öfter gewaschen werden müssen, wobei wir wieder beim Mikroplastik im Abwasser landen. Du siehst, das ist ein Teufelskreis! Wenn du mehr zu den unterschiedlichen Kunstfasern erfahren willst, dann lies dir gerne noch diesen Beitrag durch.

Pflanzenfasern schneiden da ein wenig besser ab. Sie belasten zumindest als fertiges Textilstück nicht mehr sonderlich die Umwelt (wenn man nur von der reinen unbehandelten Faser ausgeht). Allerdings ist vor allem bei Baumwolle die Erwirtschaftung äußerst wasserintensiv. Dass die größte Baumwollproduktion vor allem in wasserarmen Ländern stattfindet, macht das Problem hier nicht besser. Zudem wird Baumwolle meistens in Monokultur angebaut mit großem Einsatz von Düngemitteln. Von den fehlenden Sozialstandards in diesen Ländern möchte ich gar nicht erst reden.

Mein Fazit daher: Ganz auf tierische Fasern zu verzichten ist möglich, aber nicht unbedingt notwendig. Denn es gibt auch Wolle, die nicht mit Tierleid einhergeht.

Wie kann ich Tierquälerei bei der Wollproduktion vermeiden?

Die besten Eigenschaften hat nun einmal Wolle. Sie ist unter anderem temperaturausgleichend, kann kompostiert werden und hat auch eine Selbstreinigungsfunktion. Das kann man so einfach nicht nachbauen. Und Pflanzenfasern können das nicht in Gänze bieten. Wie kann ich also Wolle verwenden und trotzdem ein gutes Gewissen dabei haben?

Auf jeden Fall solltest du darauf achten, dass du keine Wolle aus Australien kaufst. Denn nur dort wird das Mulesing betrieben. Damit hast du schon einmal einen großen Teil der Tierquälerei umgangen. Hier darfst du ruhig auch jeden Verkäufer und Wollhersteller Löcher in den Bauch fragen. Je mehr Leute offen kommunizieren, dass darauf Wert gelegt wird, dass es den Tieren gut geht, desto mehr wird auch die Wollindustrie nachziehen. Denn am Ende wollen sie ihre Produkte auch verkaufen und so müssen sie sich an dem Markt orientieren. Und so langsam merkt man auch, dass immer mehr in Richtung Tierwohl und Umweltfreundlichkeit gedacht wird.

Am besten ist es allerdings einheimische Wolle zu kaufen. Ich weiß, das ist nicht jedermanns Sache. Deutsche bzw. Europäische Wolle ist nun einmal rauer als die superfeine Merinowolle aus Übersee. Aber auch hier gibt es hochwertige Wollfasern, die man gut auf der Haut tragen kann. Süddeutsche Merinoschafe sind nicht annähernd so überzüchtet, wie ihre australischen Verwandten. Sie haben keine zusätzlichen Hautfalten und müssen daher per seh weniger leiden. Auch gelten in Deutschland wesentlich höhere Tierschutz-Standards. Die Wolle fässt sich zwar etwas gröber an, wird aber mit jedem Mal waschen merklich weicher. Es wäre doch mal einen Versuch wert, oder? Und zur Not kann man immer noch ein Baumwoll- oder Leinenshirt darunter tragen, wenn man die Wolle nicht ganz so gut direkt auf der Haut verträgt.

Jetzt würde mich deine Meinung interessieren! Bist du der Meinung, dass Wolle grausam ist und man unbedingt darauf verzichten muss? Oder bist du auch so ein Wollverfechter wie ich und achtest lieber auf gute Haltungsbedingungen für die Schafe? Erzähl doch mal in den Kommentaren!

Wollige Grüße

Deine Steffi

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Quellen:
https://wollemitpo.vier-pfoten.de/stricken-mit-herz?cf=googlegrantsads&gclid=Cj0KCQjw9_mDBhCGARIsAN3PaFOIvvUFibI6pvG0OhgF1aRzxSw1Cx_F7P1-W9-ZafINeg4MNNxiemwaAuyJEALw_wcB
https://www.tierschutzbund.de/aktion/mitmachen/verbrauchertipps/merinowolle/
https://schrotundkorn.de/leben/stricken-ohne-tierleid
https://rosygreenwool.com/de/about_us#
https://www.umweltberatung.at/maeh-maeaeh-maeaeaehr-bio-wolle-statt-kunstfaser-und-tierleid
https://www.nachrichten.at/nachrichten/fotogalerien/aus_aller_welt/wildes-leben-schaf-von-35-kilogramm-wolle-befreit;cme217598,2468150

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