Fiber Fact Friday Nr. 16: Mohair – Flauschtraum oder Juckalarm?

Nur noch wenige Tage bis zur Bundestagswahl. Keine Sorge, wir geben hier keine Wahlempfehlungen ab. In der heutigen Fiber Fact Friday Ausgabe wird’s aber dennoch überraschend politisch. 

Woran denkt ihr, wenn ihr von einem „Mohair-Barette“ hört? An eine kuschlige Mütze vielleicht? Und fallen euch auch gleich verschiedene Muster ein, die man da einarbeiten könnte? Also mir schon. Wenn ihr aber aus Polen stammt und euch mit der dortigen Politik beschäftigt, kommt euch möglicherweise noch etwas anderes in den Sinn: Dort bezeichnet der Ausdruck nämlich die Stammwählerschaft der Konservativen. Die zweitgrößte Zeitung unseres Nachbarn, Rzeczpospolita, ließ sich den Begriff einfallen in der Annahme, dass vor allem Seniorinnen aus ärmeren Schichten auf dem Land solche Kopfbedeckungen tragen. Dass die (wahrscheinlich männlichen…) Journalisten keine Ahnung von Strickmode haben und diese Mützenform zu unrecht als altbacken einstufen, sei hier nur am Rand erwähnt. 

Edelzwirn von der Ziege

Aber damit sind wir dennoch beim Thema des heutigen Fiber Fact Friday gelandet: Mohair. Wie schon vergangenen Monat beim Beitrag über Schurwolle handelt es sich auch im Fall von Mohair um eine tierische Faser, sprich um ein reines Naturprodukt. Was ihre Eigenschaften angeht, ist Mohair eine richtige Allrounderin: sie absorbiert Feuchtigkeit sehr gut und ist gleichzeitig wasserabweisend, kann bei Hitze kühlen und bei Kälte wärmen. Wenn sie richtig verarbeitet wird, ist sie sogar fast knitterfrei.

Das Multitalent stammt von der Angoraziege, die übrigens mit dem Angorakaninchen nichts gemein hat – außer natürlich ihrem Niedlichkeitsfaktor. Diese Wollziegenrasse kommt ursprünglich aus dem vorderasiatischen Raum und war ab dem 16. Jahrhundert vor allem in Teilen der heutigen Türkei verbreitet. Ihr Fell besteht aus langer, seidiger Wolle, das lockig herunterhängt: eine wuschelige Schönheit!

Begehrter Rohstoff – grausame Haltung: Müssen Tiere für Mohair leiden?

Die Haare von Jungtieren sind feiner als die der ausgewachsenen Ziegen. Daher werden die Fasern, die aus den ersten Schuren der Ziegen stammen auch mit dem Namen „Kid Mohair“ bezeichnet. Dieses wird für Handstrickgarne und Kleidung verwendet, das Haar der erwachsenen Tiere in der Herstellung von Teppichen oder Polstern. Und da fangen die Probleme für die Angoraziege leider auch schon an: Mit zunehmendem Alter wird ihre Fellqualität schlechter und ist damit auf dem Markt weniger wert. Dieser Umstand sowie die generell hohen Preise, die für die Edelfaser verlangt werden können, hatten in den vergangenen Jahrzehnten gravierende Folgen: Die Haltungsbedingungen waren – vor allem in Südafrika, von woher der Hauptanteil der weltweiten Mohair-Produktion stammt – erschreckend. Immer wieder brachten Augenzeugenberichte die verheerenden Zustände ins Licht der Öffentlichkeit: Neben brutalen Methoden bei der Schur und Kastration wurde etwa bekannt, dass Tiere zur Ungezieferbekämpfung in chemische Substanzen getaucht wurden. Viele verendeten elendig und von den Kadavern wurde dann sogar noch die Wolle abgeschoren.

Responsible Mohair Sigel
Zertifikat für nachhaltige Mohairwolle

In den vergangenen Jahren ist zum Glück Bewegung in die Sache gekommen. Etliche große Kleidungshersteller beschlossen, auf die Verwendung von Mohair in ihren Produkten komplett zu verzichten. Außerdem nahm sich die NGO TextileExchange der Sache an. Seit 2020 vergibt sie neben dem RWS-Zertifikat für Wolle auch das RMS-Siegel. Die Abkürzung steht für „Responsible Mohair Standard“. Dieses erhalten nur Ziegenfarmen, die eine ganze Reihe von Auflagen erfüllen. Tierwohl steht dabei an oberster Stelle. Aber auch weitere Faktoren spielen eine Rolle, unter anderem der Umweltschutz. Durch monokulturelle Haltung von großen Angoraziegenherden wird die Biodiversität ganzer Landstriche in Mitleidenschaft gezogen und auch die Arbeitsbedingungen für die Farmangestellten sind oft mehr als problematisch. Hier bessere Standards für Mensch und Natur zu erreichen, ist ein wesentlicher Aspekt der Zertifizierung. Viele Garnhersteller erklären auf ihren Webseiten inzwischen, woher ihre Mohairwolle stammt und ob die Betriebe nach nachhaltigen und Fairtrade-Standards arbeiten. Ein kurzer Check vorm Einkauf lohnt sich also allemal.

Mohair – Ein hauchdünner Faden, an dem sich die Geister scheiden

Zum Abschluss lassen wir die Politik nochmal raus und stellen die Frage aller Fragen für Stricker*innen: Kratzt euch Mohair-Wolle oder ist sie das Weichste, was je eure Haut berührt hat? Man braucht sich nur durch einschlägige Woll-Seiten oder Instagram-Communities klicken und merkt schnell: Es gibt wahre Mohair-Fanatiker*innen und dann wiederum richtiggehende Mohair-Hasser*innen – und alles dazwischen sowieso. Ich selber bin nach meiner Recherche schon eher verleitet, mich mal an Mohair-Alternativen zu wagen. Lyocell, auch unter dem Markennamen Tencel bekannt, hat beispielsweise ganz ähnliche Eigenschaften und wird industriell aus Holz hergestellt. (Dazu gibt es in der Zukunft sicher auch noch einen Fiber Fact Friday.)

Wo steht ihr? Team „Mohair = Flauschtraum“ oder Fraktion „Juckalarm“? Verratet es uns in den Kommentaren.

Gutes Stricken und bis zum nächsten Mal,

Eure Judith

PS: Eins noch: Geht bitte wählen; davon lebt die Demokratie. Danke.

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Quellen:

Bildnachweise:

4 Gedanken zu „Fiber Fact Friday Nr. 16: Mohair – Flauschtraum oder Juckalarm?

  1. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel! Es läuft wohl in jeder Tierhaltung problematisch und das Wissen darum hilft mir künftig bei meinen Wollkäufen. Ich finde Mohair durchaus kratzig, aber ich verstricke es super gerne! Am liebsten Tücher, die kann ich ja halsfern tragen. Als Pulswärmer geht es auch, aber eine Mütze wäre ein Alptraum. 🙂

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    1. Huhu Corali,
      schwarze Schafe gibt es hier wohl überall. Leider. Aber wo der Mensch die Finger im Spiel hat, ist auch immer irgendwo Leid dabei. Und genau darum geht es uns. Wissen zu verbreiten. Aufmerksam machen. Denn nur wenn man über ein Thema Bescheid weiß, kann man auch etwas ändern. 😉
      Tücher kann man auch super über der Schulter als Jackenersatz tragen. 😉 Und für Mützen gibt es ja zum Glück auch anders angenehmers Material. 🙂

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  2. Ich liebe Mohair, muss aber auch dazu sagen, dass es da große Unterschiede gibt, und ja, manche finde ich total kratzig (zB das Tynn Silk Mohair von Sandnes), und andere sind weicher als weich (zB die Ito Sensai).
    Ein sehr interessanter Artikel, vielen Dank dafür.

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