Fiber Fact Friday Nr. 28: Neu, natürlich, nachhaltig: Stricken mit Tencel

Kleines Rätsel: „Gib mir mal ein Tempo: ich hab Cola über den Legos verschüttet“ – „Och nee, das klebt ja wie Uhu. Da, nimm lieber ein Zewa.“ – Was ist passiert? Super einfach, oder? Jede*r versteht, dass hier entweder ein Taschentuch oder eine Küchenrolle zum Aufwischen von Limo benötigt wird, damit die Klemmbausteine nicht für alle Zeiten aneinanderpappen. Das sprachliche Phänomen nennt sich Deonym und bezeichnet Markennamen, die irgendwann so gebräuchlich sind, dass sie anstelle des eigentlichen Begriffs verwendet werden. Und um so ein Deonym geht es auch heute – wir reden über TencelTM.

Ok, ich gebe zu: Zu einer derartigen Berühmtheit wie das Tempo hat es TencelTM noch nicht gebracht. Aber wer sich ein bisschen in der Faserwelt herumtreibt, dürfte in den vergangenen Jahren auf den Banderolen immer mal wieder über diese Angabe gestolpert sein. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um eine geschützte Marke, weshalb auch das Symbol TM für „trademark“ korrekterweise mit genannt wird. Die Faser, um die es geht, heißt eigentlich Lyocell. Doch noch nicht genug der Verwirrung. Manchmal findet sich auf Kleidungslabels auch der Ausdruck „Lenzing“. Auch das bezeichnet aber ein und dieselbe Faser: Lyocell wird von der österreichischen Firma Lenzing unter der Marke Tencel vertrieben.

Trendstoff aus Holz

Naturmaterial Holz

Jetzt reicht’s aber mal mit der Wortklauberei, ran an die Fakten: Um Lyocell herzustellen braucht es Holz, genauer gesagt Zellulose. Die wird in einem organischen Prozess aus den Holzfasern gelöst – ein hoch Chemikalien-lastiges Verfahren wie etwa bei der Herstellung von Viskose ist also erfreulicherweise nicht nötig.

Und damit sind wir auch gleich bei dem Pluspunkt schlechthin und dem Grund, warum das Material derzeit immer beliebter wird: Lyocell/Tencel ist tatsächlich nachhaltig und ökologisch. Natürlich gibt es dafür ein paar vorab Bedingungen, wie zum Beispiel dass das benötigte Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft mit FSC– oder PEFC-Siegeln stammt. Aber dazu gleich noch mehr.

Eine Faser, viele Stoffe: Alleskönner TencelTM

Es lassen sich verschiedene Stoffarten aus Lyocell herstellen.

Die gewonnen Fasern sind sehr flexibel, was ihre Weiterverarbeitung angeht: fester Jeansstoff, fließender Jersey, seidiges Modal. Für Lyocell kein Problem. Auch als Beimischung in Wollfasern im Handstrickbereich wird das Material immer beliebter.

Kein Wunder, denn die Eigenschaften lesen sich durchweg angenehm: atmungsaktiv und sehr weich. In der Textilindustrie setzt man deshalb vor allem bei Sportbekleidung und Unterwäsche auf das Material, aber auch immer mehr Wohntextilien wie Bettwäsche und -laken finden sich auf dem Markt. Denn auch in Sachen Strapazierfähigkeit und damit Langlebigkeit bekommt Lyocell ein Fleißbildchen.

Was das Waschen angeht, ist allerdings ein wenig Vorsicht geboten: Ist TencelTM beigemischt, sollte sich der Waschvorgang (vor allem bei Sensibelchen wie Seide) schon nach der Hauptfaser bzw. den Waschangaben richten. Dafür wird man beim Trocknen auch schon wieder belohnt: Oft reicht es, Kleidungsstücke feucht aufzuhängen und man kann das Bügeleisen getrost im Schrank lassen.

Augen auf bei der Stoffwahl: Nachhaltigkeit braucht Aufmerksamkeit

Eukalyptus eignet sich für die Lyocell-Herstellung.

Das klingt alles zu schön, um wahr zu sein, meckert da die Pessimistin in mir und hat natürlich recht. Oben habe ich gesagt: Lyocell ist nachhaltig. Das stimmt grundsätzlich auch. Anders als (leider sooft) bei Baumwolle sind in der TencelTM-Produktion die Arbeitsbedingungen fair und klar geregelt. Im Gegensatz zu Stoffen wie Polyester oder Elastan kommt kein Erdöl zum Einsatz. Statt fossiler und damit endlicher Rohstoffe ist Holz ein nachwachsendes Material.

Allerdings braucht Holz natürlich jede Menge Fläche und Wasser im Anbau. Das kann zu Lasten von Urwäldern und Artenvielfalt gehen – insbesondere, wenn die Herkunft nicht durch entsprechende Zertifikate belegt werden kann. Problematisch wird es auch, wenn hauptsächlich Eukalyptus (aus nicht-nachhaltigem Anbau) als Rohmaterial verwendet wird. In Monokulturen schlucken die schnellwachsenden Pflanzen so viel Wasser, dass die Anbauregionen von sinkenden Grundwasserständen und Austrocknung bedroht sein können.

Der Wasserverbrauch bei der Lyocell-Produktion selbst ist geringer als bei ähnlichen Verfahren wie der schon angesprochenen Viskose, allerdings – wie für alle Fasern – immer noch relativ hoch. Und klar, ohne Energie für Herstellung und Transport geht es natürlich auch nicht. Dennoch kann man getrost sagen: In der Gesamtbilanz schneidet die Lyocell ziemlich gut ab.

(Im Fall von TencelTM garantiert der Hersteller Lenzing die Nachhaltigkeit seines Produkts: Hier lang für alle, die es ganz genau nachlesen wollen.)

Hightech-Fasern auf der Nadel: Stricken mit Lyocell

So, jetzt aber Butter bei die Fische: Stricken mit Lyocell/TencelTM – kann das was? Es spricht einiges dafür: Genau wie Wolle hat das Material selbstreinigende Fähigkeiten. Lüften statt (ständig) Waschen lautet also die Devise. Das ist praktisch und gut für die Umwelt (und den Geldbeutel, Stichwort Strompreise).

TencelTM kann bis zu 50% mehr Wasser als Baumwolle aufnehmen und ist dabei noch recht resistent gegenüber Bakterien. Dadurch haben unangenehme Gerüche schlechte Karten. Übrigens – nicht nur wichtig für Veganer*innen: In Kombinationen mit anderen Pflanzenfasern entsteht ein Tierleid-freies Endprodukt.

ColourBalance mit Lyocell in Grün: Öko und Gurke!

Das klingt so, als müsstet ihr sowas dringend mal verstricken? Da können wir euch natürlich weiterhelfen. Schon länger bei Steffi im Shop und suuuuper weich (versprochen!) ist nämlich die Qualität ColourBalance. 60% extrafeines Merino und 40% Lyocell/TencelTM sorgen dafür, dass das Garn nicht nur flauschig-anschmiegsam ist, sondern auch stabil genug, etwa für Socken. Aktuell gibt es noch ein paar Stränge der Monatsfärbung September. Also nichts wie ran an die „Gurkenernte“!

Habt einen flauschigen Start in den Herbst und bis zum nächsten Mal,

Eure Judith

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