Fiber Fact Friday Nr. 19: …und sie strickten glücklich bis an ihr Lebensende

Drei Nüsse für Aschenbrödel – wer kennt diesen Weihnachts-Fernsehklassiker nicht?! Nun, ehrlich gesagt: ich. Der Fiber Fact Friday ist genau der richtige Ort für öffentliche Bekenntnisse einer Blogfee, dachte ich mir. Denn jetzt habe ich den Druck der Screamingcolours-Community, diese Bildungslücke auch endlich mal zu schließen und mir in der kommenden Woche das tschechische Feiertags-Must-See zu Gemüte zu führen. Für alle, die mir hier voraus sind, und es gerade in der Weihnachtszeit romantisch und ein bisschen magisch mögen, haben wir heute einen ganz besonders zauberhaften Fiber Fact Friday: Es geht um Wolle im Märchen.

Außer Reichweite von Kindern aufbewahren: Die Spindel

Spinnrad in einem Bauernhofmuseum.

Als ich klein war, hatte ich von einem Spinnrad nur so eine grobe Vorstellung. Irgendwie tritt man da auf ein Pedal, etwas dreht sich und am Schluss hat man einen Faden. Aber was bitte ist eine Spindel? Ich war einen Großteil meiner Kindheit lang überzeugt, dass es sich dabei um ein hochgefährliches Werkzeug handeln muss, denn schließlich sticht sich ja Dornröschen daran und fällt in einen jahrzehntelangen Schlaf. Handspindeln sind aber an sich weder besonders spitz noch scharfkantig. Gelegentlich wurden allerdings Haken, um den Faden einzuhängen, an den Spindeln befestigt. Daran könnte man sich eventuell stechen oder aber – und darauf würde ja die Sofortsedierung aka „Schlaf“ im Schlossturm hindeuten – die Protagonistin vergiftet sich, indem sie sich an einem Splitter des Holzwerkzeugs verletzt. Spindeln wurden nämlich aus dem Spindelstrauch hergestellt, den man heute unter dem Namen Pfaffenhütchen kennt (die Giftpflanze des Jahres 2006). Aber auch ganz unabhängig von der Spindel geht es recht stachelig in diesem Märchen der Gebrüder Grimm zu. Durch die Dornenhecke, die das Schlafgemach der Prinzessin umwuchert, muss sich der Prinz ja erst mal recht unelegant durchhaken. Dass er die Schlafende wachküsst, also einfach mal so eine Frau ohne Bewusstsein angrabbelt, finde ich aus heutiger Sicht ja schon ziemlich übergriffig.

Dornröschen-Darstellung um 1900.

Allerdings ist das noch nichts gegen die ursprüngliche Variante des Märchens: Sonne, Mond und Thalia ist eine Erzählung des Italieners Giambattista Basile aus dem 17. Jahrhundert und die Vorlage für die Bearbeitung der Herren Grimm. Da wird Dornröschen nicht geküsst, sondern vergewaltigt und erwacht erst, nachdem sie als Ergebnis dieses Verbrechens noch im Schlaf – und mit Unterstützung von einer Horde Feen – Zwillinge zur Welt gebracht hat. Bei dieser Variante ist die Übeltäterin übrigens keine Spindel, sondern eine Flachs- bzw. Hanffaser, die sich Dornröschen aus Versehen unter den Nagel piekst und den ihr die Kinder dort später herausnuckeln. Wieder erwacht darf sie sich dann auf die Suche nach dem Vater machen (Alimente und so…) nur um herauszufinden, dass der in der Zwischenzeit geheiratet hat. Das 17. Jahrhundert – nicht gerade der ideale Zeitpunkt, um eine alleinerziehende Prinzessin zu sein.

Faden-Alchemie: Von Stroh zu Gold

Um benachteiligte Mütter und Fasern geht es auch in einem anderen, deutlich bekannterem Grimm’schen Märchen: Rumpelstilzchen hilft der Tochter eines Müllers in einer akuten Notlage. Der Vater hat, um den König als Schwiegersohn zu bekommen, einfach mal behauptet, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen. Das soll das Mädchen im Palast unter Beweis stellen. Wenn sie es nicht schafft, dann kriegt sie aber nicht nur keinen Ehering, sondern wird auch hingerichtet. Danke, Papa, das mit der Fakenews-Spinnerei war ein Megaplan.
Zur Rettung kommt das zwielichtige Rumpelstilzchen angeschlichen, das sich mit Schmuck und dem Versprechen, das Erstgeborene der Müllerstochter zu bekommen, bestechen lässt und den Job erledigt. Ich will jetzt gar nicht anfangen, über die Geltungssucht des Herrn Papa, die Geldgier des Königs oder die cholerischen Anfälle des zu klein geratenen Männchens (Napoleon-Komplex sag ich nur…) zu philosophieren. Spannender ist: Die Idee aus Stroh Gold zu spinnen ist gar nicht so abstrus, wie sie auf den ersten Blick wirken mag. Tatsächlich wurden kirchliche Messgewänder, die ja in der Regel prunkvoll bestickt sind, in sehr armen Gemeinden mit Strohhalmen anstatt Goldfäden verziert. Von weitem sah das dann goldenen Ornamenten ähnlich (– in einer Zeit ohne Brillen und elektrischem Licht versteht sich…).

Handarbeitshasserinnen – auch die gibts im Märchen

Apropos Aussehen: In Sachen Optik als Druckmittel stellt sich eine junge Dame in Die drei Spinnerinnen richtig gewitzt an. Sie hasst das Spinnen, aber ihre Mutter ist eine Verfechterin von Kinderarbeit und Prügelstrafe. Deshalb schlägt sie die „faule“ Tochter. Das bekommt die vorbeifahrende Königin mit, der die Mutter, um sich aus der Misere zu ziehen, weiß macht, das Mädchen weine so, weil sie nicht genug Fasern zum Spinnen habe. Ein ziemlich guter Schachzug. Ich meine, wenn ich mir vorstelle, keine Wolle mehr im Haus zu haben, kämen mir auch die Tränen… Die Königin glaubt ihr, nimmt die Tochter mit an den Hof und macht ihr das Angebot ihren Sohn zu heiraten, wenn sie die gesamten Flachsvorräte des Palastes verspinnt. Netter Deal an sich, aber für die Protagonistin eher der Zonk schlechthin, schließlich ist sie die unbegabteste Spinnerin weit und breit. Aber es wäre kein Märchen, wenn nicht unverhofft Rettung nahte: Drei Frauen, die als ausnehmend hässlich beschrieben werden, kommen vorbei und verspinnen die Faserberge unter der Bedingung zur Hochzeitsfeier eingeladen zu werden. Gesagt, getan. Als der Königssohn dann schockiert ist, dass seine Braut hässliche Verwandtschaft hat (hallo, Bodyshaming?!) erklären ihm die drei, dass ihre jeweiligen Gebrechen (ein zu großer Daumen, eine ausgefranste Unterlippe und ähnliches) vom vielen Spinnen kämen. Und zack wird der Gattin verboten, je wieder ein Spinnrad anzurühren. Was für ein Move!

Der Prinz wird magisch angezogen von den Handarbeitskünsten des mittellosen Mädchens.

Magische Helferlein – Verzauberte Stricknadeln & Co.

Fast könnte man bei diesen Geschichten annehmen, unsere Wollliebe und Handarbeitsbegeisterung wäre etwas, was im Märchen so gar keinen Platz hat. Historisch gesehen liegt das auch durchaus nahe, waren Stricken, Nähen oder Weben in erster Linie Arbeitsschritte der Textilherstellung und relevante Einnahmequellen, um die Familie zu ernähren. Die stickenden Hofdamen tanzen da etwas aus der Reihe – hier sind wir schon eher im Bereich der Freizeitbeschäftigung. Dass Handarbeiten aber besser funktionieren kann als jede Dating-App zeigt Die Pathengeschenke von Ludwig Aurbacher, das in der Grimm’schen Adaption den sprechenden Titel Spindel, Weberschiffchen und Nadel trägt. Hier gelingt es einem armen Waisenmädchen sich den Prinzen zu angeln, indem sie nicht nur emsig ihrem Kunsthandwerk nachgeht, sondern auch ihren Gerätschaften Leben einhaucht: Die magische Spindel rollt durch die Lande und lockt den Prinzen zum Haus, das Schiffchen zaubert einen Teppich vor die Tür und mit einem bestickten Tuch, das die Nadel kunstvoll in der Stube drapiert, wird der Bachelor überzeugt. Denn klar: Wer kennt das nicht? Männer, die dank ausgesprochenem Handarbeitstalent des Gegenübers sofort in den Stand der Ehe hüpfen wollen. Märchen halt.

Und die Moral von der Geschicht‘?

Als moderne Frauen (und Männer) im 21. Jahrhundert ist Stricken und Co das ideale Hobby: Sollte es zu Verletzungen kommen, gibt es zum Glück Apotheken und man ist nicht mehr auf gute Feen angewiesen (nicht sehr zuverlässig die Damen…). In der Weihnachtszeit ist es die perfekte Beschäftigung, um für die Liebsten noch schnell ein Geschenk zu zaubern und für diejenigen, die noch nach dem Traumpartner Ausschau halten, gibt’s passend zum Nadelgeklapper einfach noch Mariah Carey auf die Ohren: „All I want for Christmas is yooooou, Baby.

Dieser Blogbeitrag wurde mit jeder Menge Weihnachtsstimmung und nur minimalen Glühweinmengen verfasst. Erholsame Feiertage!

Eure Judith

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Märchentipps:

  • Den übersetzten Originaltext zu Sonne, Mond und Thalia findet ihr frei zugänglich beim Projekt Gutenberg.
  • Auch Die drei Spinnerinnen gibts online.
  • Spindel, Weberschiffchen und Nadel findet ihr hier.

Quellen:

Bilder:

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